Leseprobe (unlektoriert)!

Reega knurrte. Ein leises Knurren, begleitet von einer Empfindung, die sich für Dominic anfühlte, wie ein leichter Schlag in den Bauch. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen kurzen Impuls zu verspüren bekam. Nicht wirklich zornig, aber auch nicht ohne Groll.
„Noch immer eifersüchtig?“, fragte Dominic und der Gothrek legte seinen Kopf missmutig in den warmen Sand.
Ellena Green, spürte diesen wenig herzlichen mentalen Gruß ebenfalls. Auch für sie war diese Empfindung nicht neu und sie gab jedes Mal vor, darüber nicht irritiert oder verärgert zu sein. „Wir müssen hier ein Nachtlager aufschlagen“, sagte sie. „Die Meldungen besagen, dass sich für die nächsten Stunden kein Schiff bewegen darf, außer es ist in Kampfhandlungen verwickelt.“
Dominic wischte sich den Staub aus dem Gesicht. „Die Pferdeköpfe legen die Weisungen des Fürsten mal wieder zu wörtlich aus. Ich bin mir sicher, in ein paar Stunden kommen sie wieder zur Vernunft.“
„Na das hoffe ich doch“, meinte Ellena trocken. „Sollte es länger als vierundzwanzig Stunden dauern, müssen wir unsere Vorräte rationieren. Unser Wasserverbrauch ist nicht für länger ausgelegt, als unser Einsatz geplant war.“
Dominic sah zu den Wracks der Keymonschiffe hinüber, die auf einem betonierten Landefeld verstreut lagen und von denen Rauchfahnen in den Himmel stiegen. Das Wasser, das sie aus den Leitungen und Behältern dieser Fahrzeuge pumpen konnten, war mit einem klebrigen Zusatz versetzt, der es für die Käfer genießbar und für Menschen giftig machte. Inzwischen hatte Dominic auch gegen andere Spezies gekämpft, die zwar nicht mit den Keymon verbündet waren, aber von ihren Aktionen profitierten. Aus ihren Hinterlassenschaften, konnte sich die Truppe versorgen, auch wenn das Nahrungsangebot die Geschmacksnerven der Menschen kaum bediente, oder zu Würgereizen führte. Letzteres konnte ein knurrender Magen in den Griff bekommen und seinen Besitzer vor dem Hungertod bewahren. Der kräftezehrende Kampf um diesen kleinen Raumhafen hatte außerdem zum Verlust des Angriffsbootes geführt, das zertrümmert zwischen den Dünen lag. Trotz aller Erfolge waren die Käfer noch immer in der Lage, für Überraschungen zu sorgen und empfindliche Schläge auszuteilen.
„Die Leute wissen ja, wie sie damit umzugehen haben“, meinte Dominic. „Das haben wir ja schon öfter erlebt.“
Ellena sah sich nach allen Himmelsrichtungen um. „Immerhin fühle ich keine Keymon Präsenz in der Nähe. Muss aber nichts heißen.“ Um ihre Worte zu unterstreichen, spähte sie durch das Zielfernrohr ihres Gewehres über die Dünen hinweg.
Ellena gehörte zu den “Wide Rangers“. So nannte man Menschen, die im Aufspüren der Keymon besondere Fähigkeiten besaßen und deshalb von den Priestern des neuen Zweiges unentwegt missioniert wurden. Menschen wie Ellena wurde von den Geistlichen nahegelegt, ihre Bestimmung in den Tanks zu finden, und eine Reinkarnation als Gothrek anzustreben. Die genetisch manipulierten Kreaturen wurden inzwischen als überirdische Wesen angesehen, die zu Fleisch geworden waren. Und tatsächlich bot die Akkato Religion eine Nische, die von den Gothreks gefüllt werden konnte. Nach der Mythologie gab es Wesen, die in den Wurzeln und Blättern der heiligen Bäumen wohnten. Beschützer, die immer dann zum Leben erwachten, wenn die Not der Akkato am größten war, die unter dem Laubdach dieser Bäume lebten. Natürlich wusste Dominic, dass die Gothreks aus den Tanks der Reskor Forschungsstation nicht das Geringste mit dem Glauben der Pferdeköpfe zu tun hatten. Aber es gab genügend Akkatopriester, die bereit waren diese Fakten in den Hintergrund zu drängen und sich selbst zu belügen. Unter den Priestern, die von Anfang an dabei gewesen waren und diese künstliche Religion mitaufgebaut hatten, wusste man um die Realitäten. Hier gestattete man es sich, hier und da ironische Bemerkungen zu machen, obwohl Dominic auch von Fällen des Selbstbetruges wusste. Einige Geistliche glaubten inzwischen ihre eigenen Lügen. Lediglich den neuen Predigern und Priestern gestand Dominic ein Maß an Naivität zu, auch wenn sie über die vielen Gerüchte bescheid wussten und Zweifel haben mussten. Allerdings gestand sich Dominic ein, dass ihm der Ruf schmeichelte, der ihm, seinen Kameraden und den Gothreks anhaftete. Die Menschen und ihre monströsen Begleiter galten längst nicht mehr als simple Spürhunde, wie das für die Akkato auf Dostra der Fall gewesen war. Inzwischen begegnete man ihnen mit Respekt und Ehrfurcht. Dominic erinnerte sich an eine Begegnung mit den Akkato auf einer Agrarwelt, von der sie die Keymon vertreiben konnten. Die Bauern warfen sich vor den Menschen nieder und berührten sie hier und da mit ihren Fingerspitzen, wenn sie vorübergingen.
„Ich werde trotzdem kein Auge zumachen“, meinte Ellena. „Irgendwie traue ich dem Frieden nicht.“
Dominic hörte nur mit halbem Ohr zu. Mendez war im Anmarsch. Mit dem gewohnt unergründlichen Gesichtsausdruck, der feierlichen Ernst ausstrahlte, stapfte er die Düne herauf. Dominic schätzte den Mann, wegen seiner Umsicht und Zuverlässigkeit. Er war unentbehrlich und genoss großen Respekt. Der unumstößliche Glaube jedoch, durch den sich Mendez ebenfalls auszeichnete, bereitete Dominic Bauchschmerzen. Für ihn war der Mann der Inbegriff eines Fanatikers. Er zeigte sich nachsichtig mit allen, die seine Ansichten teilten und war hart gegen jene, die damit nicht so ganz übereinstimmten. Es war ratsam, sich ironische Kommentare über die Religion des neuen Zweiges zu verkneifen, wenn er in der Nähe war. Dominic schauderte es vor dem Tag, an dem er es sich mit Mendez verscherzte. Dieser Moment würde kommen, das war so sicher, wie der Donner, der auf den Blitz folgte. Seltsamerweise fühlte Dominic den unwiderstehlichen Drang, das Kommen dieses Momentes zu beschleunigen.
„Was haben Sie auf dem Herzen?“, wollte Dominic wissen.
Mendez schien darauf zu warten, dass sich Ellena entfernte. Sie gehörte zu jenen Personen, denen er mit Argwohn begegnete, weil sie mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg hielten und Glaubensdingen skeptisch gegenüberstanden.
„Ich bin schon weg“, meinte sie und ging zurück zu den Anderen, um beim Aufbau eines Lagers zu helfen.
Mendez wartete eine Weile, bis sie außer Hörweite war. „Ich würde gerne eine Patrouille durchführen.“
Dominic ermüdete der Eifer seines Kameraden. „Entspannen Sie sich Mendez“, beschwichtigte er. „Wir haben gerade einen Kampf hinter uns gebracht. Geben Sie den Leuten etwas zeit, sich zu erholen.“
„Solange es Feinde gibt, dürfen wir uns nicht ausruhen.“
„Green meint, es wäre sicher hier.“
„Ich überzeuge mich gerne selber davon.“
„Kommen Sie. Wie sollten es die Skelcs schaffen, sich in dieser Umgebung an uns heranzuschleichen.“
„Ich erinnere Sie nur ungern an die Tunnel auf Skota.“
Dominic gab auf. „Was werden Sie machen, wenn wir die Keymon endgültig besiegt haben?“
„Es wird immer Gegner geben, die man bekämpfen muss.“
Die Keymon waren bisher die einzigen Feinde, gegen die die Akkato mit großen Streitkräften vorgingen. Einsätze gegen Schmuggler und Piraten gab es zwar auch, aber das machten die Pferdeköpfe in aller Regel alleine und mit Einheiten die nicht der Armee angehörten. Die Menschen fanden nur Verwendung bei der Bekämpfung von Keymon und die waren so gut wie besiegt. Die letzten Einheiten der Käfer setzten sich von ihren Kolonien ab und zogen sich auf die Hauptwelt Keemona zurück.
„Ich sehe unserer Zukunft mit Sorge entgegen“, meinte Dominic und studierte jede Regung auf Mendez Gesicht, so gut das bei dem Mann überhaupt möglich war. Bis auf die wenigen religiösen Momente, in denen er ein Gebet oder einen Psalm murmelte, blieben seine Emotionen hinter einer stoischen Maske verborgen, die so gut wie nie verrutschte. „Verstehen Sie was ich meine?“ Dominic versuchte mit dieser Frage, die Gedanken des Soldaten zu erfahren.
Mendez wendete seinen Blick zum Horizont. „Ich mache mir nie Sorgen über das was kommt. Ich lebe im Augenblick und tue was der Moment erfordert.“
„Sie denken nie über die Zukunft nach?“
„Gott lenkt unserer Zukunft. Was geschehen wird, ist längst beschlossen. Warum sich also über Vergangenes Gedanken machen? Ich bedauere Menschen, die über verpasste Gelegenheiten jammern oder in der Vergangenheit leben, als könnten sie dadurch etwas ändern, oder sich besser fühlen.“
Dominic versuchte diese philosophische Folgerung zu analysieren. Zukunft ist Vergangenheit. Seiten, im Tagebuch eines unergründlichen Wesens, die bereits geschrieben sind. Ein Gedanke der Dominic zutiefst missfiel und ihm regelrecht Platzangst verursachte. Denkende Wesen, eingeklemmt in einem imaginären Spalt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Eingeschlossen. Starr. Ohne die Möglichkeit zu eigenständiger Bewegung. Dass es Religionen gab, die diesen Schicksalsglauben lehrten, war Dominic bewusst. Aber alles was er über den christlichen Glauben wusste, zu dem sich Mendez augenscheinlich bekannte, schien diesen Gedanken auszublenden. Es würde ihn interessieren, wie eine Diskussion über dieses Thema zwischen Mendez und Dallas Jablonski ausgehen mochte. Er schmunzelte, bei dem Gedanken. Eine derartige Debatte zwischen diesen ungleichen Charakteren, würde ein ziemlich unchristliches aber amüsantes Ende finden.
„Ob man etwas ändern kann oder nicht“, fuhr Dominic fort. „Sie werden ihren Part in Gottes Plan spielen. Mich würde nur interessieren, ob Gott sie als ein Rechtschaffenes Wesen entworfen hat.“
Für einen Augenblick schien Mendez tatsächlich irritiert zu sein, bevor er eine Antwort formulierte. „Das hoffe ich doch. Ich bete darum.“
Dominic beschloss es dabei bewenden zu lassen. „Stellen Sie ihren Trupp zusammen, aber entfernen Sie sich nicht zu weit. Wir wissen nicht, wann die Akkato uns wieder abholen und ich will Sie nicht suchen müssen.“
Mendez salutierte und nachdem er gegangen war blieb Dominic mit einem Gefühl von Unsicherheit und Sorge zurück. Wenn die Kämpfe mit den Keymon zu ende waren, blieb für das gewaltige Heer an menschlichen Soldaten keine Arbeit mehr zu tun. Der Unterhalt der Flotte stellte einen gewaltigen Posten dar und Dominic beschlichen Zweifel, wie groß die Bereitschaft der Pferdeköpfe war, die Kosten dafür zu tragen. In den Jahren, die er jetzt schon mit den Außerirdischen zugebracht hatte, manifestierte sich die Erkenntnis, dass sich alle stofflichen Kreaturen Asgaroons ähnelten. Es gab keine Zivilisation, die von großen Idealen angetrieben wurde und die bereit war ihre Visionen über alltägliche Notwendigkeiten zu stellen. Vielleicht gelang das eine Weile, aber der wahre Gläubige musste die Bereitschaft haben, länger zu leiden als es die Vernunft ertrug. Und nach allem was Dominic beobachten konnte, war diese Fähigkeit nur bei wenigen Individuen vorhanden. Die Materie, das Fleisch – wie immer es auch beschaffen sein mochte – verlangte, sich vor ihren Bedürfnissen zu beugen. Es gab nur wenig Platz für Träume. Serwan Brooks hatte ihm das schon sehr früh klargemacht. Und auch Davis und Skorsky trugen ihren Teil zu diesen Lektionen bei.
Unwillkürlich wanderte sein Blick zu Mendez zurück, der gerade das Lager erreichte. Zweifellos gehörte der Mann zu jenen Asketen, die die Fähigkeit besaßen, über das normale Maß hinaus zu leiden. Sich selbst und seine Bedürfnisse zu verleugnen, um einem höhren Ziel zu dienen. Aber zu welchem Zweck? Mendez Vision, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, entsprach nicht dem, was sich Dominic wünschte. Sie hatte kein Ziel. Keine Möglichkeiten. Nichts was man positiv beeinflussen konnte, weil man sich etwas Besseres wünschte. Und der Mensch spielte darin offenbar nicht die geringste Rolle. Diese Vorstellung ängstigte ihn, zumal sie nicht den geringsten Sinn machte, für Mendez jedoch eine glasklare Wahrheit darstellte. Sie ängstigte ihn mehr, als die Kämpfe die er bereits ausgefochten hatte oder die noch vor ihm lagen.
Dominic empfing einen Impuls von Reega, der ihn umfing, wie eine Umarmung und ein Gefühl der Wärme vermittelte, das rasch seinen Körper erfüllte. Ein Gefühl dass sich zuerst in der Brust ausbreitete und erst nach und nach in seinen Verstand einsickerte. Da waren keine Worte, aber die Botschaft war klar. “Wer lebt, der ist in Sorge“.
Die Bindung zu Reega war stark, auch wenn der Gedankenaustausch nicht über Worte stattfand. Oder vielleicht gerade deshalb. Worte waren oft zu schwach oder schlecht gewählt. Nicht selten irreführend. Bei Reega und Dominic erfolgte die Kommunikation ausschließlich über Emotionen oder Gedankenbilder, die der Gothrek in Dominics Bewusstsein pflanzte – kompromisslos und direkt. Mitgefühl und Zuneigung. Schmerz, Wut, Trauer und Freude. Manchmal verstörend, aufwühlend, aber immer tief und unmissverständlich.
Der Gothrek sah auf Dominic hinunter und auch wenn es unmöglich war glaubte er doch ein Lächeln in seinem Gesicht zu sehen.

Hier gehts zum Beginn der Reihe:
Outlanders 1 – Die Invasoren

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