Textprobe: Asagraoon Band 1- Der Stählerne Planet

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Tigermaug

Bis auf das rote Licht der Notbeleuchtung war es in den Korridoren des kleinen Transportschiffes dunkel. Die Alarmsirene klagte in monotonen Intervallen. Fahle Schlieren wallten durch die rauchgeschwängerte Luft.
Nea arbeitete sich langsam vorwärts; das Visier ihres Raumanzuges geschlossen, ein Gewehr im Anschlag. Ihr kleiner Helmscheinwerfer warf einen bleichen Kegel in die Rauchschwaden und beleuchtete ein Chaos aus zerstörten Konsolen, geschwärzten Wänden und herumliegendem Geräten. Nea horchte in die Dunkelheit und vernahm ein leises Keuchen, dann eine schattenhafte Bewegung nahe der Wand hinter einer großen Kunststoffkiste.
„Wie sieht es aus?“, hörte sie die Stimme des Einsatzleiters Peter Logan.
„Ich denke, ich habe ein Besatzungsmitglied gefunden“, antwortete sie zögernd. „Wie viele sind es nochmal? Drei?“
„Ja, es sind drei“, bestätigte Logan. „Drei Männer.“
Nea näherte sich Transportbehälter, wo sie die Bewegung wahrgenommen hatte. Dahinter kauerte ein Mann. Sie sah sich seinen Raumanzug an und fand einen Namen, der auf einem Emblem an seinem Oberarm zu lesen war. „Er heißt Danner.“
„Ja, das ist einer von Ihnen“, bestätigte Peter Logan. „Die anderen sind Hal Amir und Reff Durham, der Chef der Truppe.“
Vorsichtig berührte Nea den Mann mit der Mündung ihres Gewehres an der Schulter. „Hallo?“, sagte sie laut und deutlich. Der Lautsprecher ihres Helmes schnarrte. „Können Sie mich hören?“
Er drehte sich zu ihr herum und starrte auf Neas Gesicht hinter dem geschlossenen Visier. „Es wird nichts nützen“, stammelte er. Wahnsinn sprach aus seinen Augen. „Sie können nichts bewirken. Es ist zu mächtig.“
„Schon gut“, versuchte Nea ihn zu beruhigen. „Die Schlepper haben Ihr Schiff sicher heruntergebracht. Es hat planmäßig im Falthurea Sektor aufgesetzt. Sie befinden sich nun auf der Raumhafenwelt Sculpa Trax. Ich bin vom DPA. Sie sind in Sicherheit.“
„Es ist zu mächtig! Zu mächtig! Zu mächtig!“, wiederholte der Mann ohne Nea anzusehen.
Sie nahm eine Injektionspistole aus ihrem Gürtel, legte die Mündung an den Hals des Mannes und drückte ab. Als er in sich zusammensackte und in tiefe Bewusstlosigkeit versank, setzte Nea ihren Weg fort.
„Besatzungsmitglied war nicht ansprechbar“, teilte sie der Leitstelle mit. „Habe den Mann ruhig gestellt.“
„Ich wünsche angenehme Träume“, scherzte Peter Logan. „Hast du schon einen Verdacht, was es sein könnte?“
„Nicht den geringsten“, gab Nea zu. „Ich habe die meisten Korridore schon passiert. Etwas Großes kann es nicht sein, das hätte ich entdeckt. Es muss sich um ein kleines Wesen handeln, das sich in den Rohrleitungen und Schächten bewegt.“
Nea erreichte das Cockpit. Hier gab es die meisten Kampfspuren. Etliche Monitore waren zerstört und die Konsolen an vielen Stellen durchlöchert. Nea versuchte, den Schalter zu finden, mit dem sie die nervtötende Sirene abstellen konnte, aber es gelang ihr nicht. Das Steuerpult war komplett zerstört.
Nea schlich sich aus dem Kommandostand und entdeckte den Zugang zum Frachtdeck. Das Schott stand einen Spalt weit offen und Nea zwängte sich hindurch. Sie stand auf einem kleinen Steg, von wo aus sie den Laderaum überblicken konnte.
„Ich habe den Laderaum entdeckt“, sagte sie in das Helmmikrophon. „Es gibt da einen großen Container mit Panzerglasflächen. Ich kann hineinsehen. Er ist leer. An den Wänden sehe ich eine Unmenge verschiedener Waffen. – Wow! Wollten die einen Krieg anfangen?“
„Sind alle registriert“, informierte sie Logan. „Die drei sind Großwildjäger und beliefern die exklusiven Zoos auf Vanetha und Boolin.“
Nea trat an die Stufen heran, die nach unten führten. Sie spähte in den dunklen Raum, wechselte den Sichtmodus ihres Helmdisplays und konnte zwei Wärmesignaturen erkennen. „Ich habe die anderen beiden entdeckt. Sie bewegen sich nicht. Liegen verkrümmt auf dem Boden. Ich gehe zu ihnen runter.“
Nea wusste noch immer nicht, mit welchem Wesen sie es zu tun hatte. Auch wenn es ein kleines Tier war, es hatte drei erfahrene Jäger außer Gefecht gesetzt, weshalb es umso gefährlicher sein musste.
Der Mann, der am geöffneten Ende des Transportcontainers lag, bemühte sich aufzustehen, als er Nea bemerkte. Er tastete unbeholfen nach seiner Waffe.
Nea machte einen Satz nach vorne und kickte die Pistole weg.
„Sie müssen fliehen“, presste der Mann zwischen den Zähnen hervor. Auch in seinem Blick konnte Nea Angst und Panik lesen. Die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor und pulsierten. „Es kommt! Es kommt und niemand kann ihm entfliehen!“
„Sie fliehen zuerst einmal ins Traumreich des Vergessens“, meinte Nea beiläufig, zog wieder ihre kleine Injektorpistole, und versetzte den Mann in Tiefschlaf.
Beinahe im selben Augenblick setzte ihr jemand den Lauf einer Pistole in den Nacken.
„Machst gemeinsame Sache mit der Bestie, oder?“ Die Stimme des Jägers verriet die gleiche Verwirrung und Furcht, wie bei seinen Kollegen.
Nea hatte sich einen Augenblick der Unachtsamkeit geleistet. Ihr trat der Angstschweiß auf die Stirn.
„Du hast es aber mit dem furchtlosen Eddie zu tun. Und der wird dir jetzt die Lichter ausblasen.“
Ein heller Blitz erleuchtete die Umgebung und ein Knall hallte durch den Frachtraum. Dem furchtlosen Eddie flog die Waffe aus der Hand. Klappernd und schwelend schlitterte sie über den Boden, als ein weiterer Schuss Neas Augen blendete. Eddie verkrampfte sich, während blaue Lichtbögen über seinen Körper züngelten. Sekunden später ging er zu Boden und blieb reglos liegen.
Nea spähte hinauf zum Zugangsschott. Gerade schob der massige O.G.O.-Roboter die Torflügel auseinander und trat durch den geweiteten Spalt. Seine zweckmäßige Form glich der eines kantigen, mechanischen Skeletts. Er hatte nichts von der Eleganz und dem Design einer Maschine, wie man sie auf den Stadtwelten benutzte. Es sah eher so aus, als hätten seine Konstrukteure sämtliche Abdeckbleche und Chassisteile entfernt, um Ogos funktionale Struktur bloßzulegen und sie zu betonen. Abgesehen von einigen glänzenden Hydraulikelementen, schimmerte der größte Teil seines Körpers in nüchternem, metallischem Grau.
„Ich hatte dir doch gesagt, du sollst bei der Hauptschleuse warten“, entrüstete sich Nea.
„Habe ich aber nicht“, schnarrte die hünenhafte Maschine mit blecherner, emotionsloser Stimme. Er schwenkte den Lauf seines Gewehres nach allen Seiten. „Und es war ganz offenbar gut so. Wie so oft.“
Nea schüttelte den Kopf. „Du machst mich fertig!“ Sie rief den Einsatzleiter. „Zentrale! Alle Besatzungsmitglieder wohlauf. Ich suche weiter nach dem Eindringling.“
Nachdem sich Nea im Laderaum umgesehen hatte, nahm sie den Container näher in Augenschein. „Ist irgendetwas über ihre letzte Fracht bekannt?“
„Nein“, antwortete Peter. „Sie kamen direkt von Vanetha über Sprungpunkt 3-33. Aus den Daten geht nicht hervor, dass sie ein Tier von der Stadtwelt mitgenommen hätten.“
„Was immer in diesem Behälter war“, überlegte Nea, „ist auch nicht ausgebrochen. Es hätte sich niemals in den engen Korridoren verstecken können. Es wäre nicht mal durch das Schott gekommen, das zu den Mannschaftsräumen führt.“
„Wie groß ist das Behältnis?“
„Groß genug für eine Felsenechse, einen Streifenwolf oder einen Tigermaug.“ Beim letzten Wort kam Nea ein Verdacht. Sie öffnete das Visier ihres Helmes und im gleichen Moment stieß ihr ein scharfer, beißender Geruch in die Nase.
Unvermittelt keimte in Nea Panik auf. Wirre Bilder wirbelten durch ihren Kopf. Sie sah einen Dschungel, Farnwedel, hohes Gras, dichtes Unterholz. Mit den Augen des Jägers eilte sie durch die dichte Vegetation. Gras, Zweige und Schachtelhalme peitschten ihr ins Gesicht. Sie vernahm die entsetzten Schreie von Tieren auf der Flucht. Ein Gewitter, Regen und Wind, der die Wipfel der Bäume schüttelte. Sie sah zerfetzte Kadaver, stapfte durch tiefe Blutlachen, hörte das Knacken fester Knochen, die von kraftvollen Zähnen und Kiefern zermalmt wurden. Sie roch das Blut, das aus tiefen Wunden spritzte. Eine Flut von Eindrücken überwältigte ihren Geist und versetzte sie in einen unangenehmen Rausch. Ihr wurde schwindelig. Nea krümmte sich unter Magenkrämpfen, riss sich den Helm vom Kopf und erbrach sich mehrere Male. Ogo setzte sich in Bewegung, um seiner menschlichen Freundin zu Hilfe zu kommen, aber Nea hob abwehrend die Hand.
„Ist alles in Ordnung.“ Sie rappelte sich mühsam auf. Nea rief sich die kurzen Verse einer Wortmeditation in den Sinn, wie es von einer Tengiji-Kriegerin gelernt hatte. Neas Atmung beruhigte sich. Ihre Furcht verging und sie konnte wieder klare Gedanken fassen. Nea konnte ein Lachen nicht unterdrücken, denn inzwischen war ihr ein Verdacht gekommen.
Sie betrachtete den Rahmen des Containers und eine glänzende Stelle auf dem Metall erregte ihre Aufmerksamkeit. Von dort ging dieser widerliche Gestank aus, der ihr die Sinne geraubt hatte.
„Ein Tigermaug hat hier eine mentale Signatur gesetzt“, erklärte sie Peter. „Die Besatzung ist irgendwie damit in Kontakt gekommen. Sie werden noch eine ganze Weile mit den mentalen Projektionen des Tigermaug zurechtkommen müssen. Mit den Jungs würde ich jetzt nicht tauschen wollen.“
„Und was heißt das für uns?“
„Entwarnung“, antwortete Nea. „Du kannst das Schiff freigeben, die Männer auf die Krankenstation bringen und den Container reinigen lassen.“
„Und das war es dann?“
„Ganz genau! Das war’s dann.“
Logan schaltete die Verbindung ab.
Ogo sandte Nea einen kurzen telepathischen Impuls. Aufmunternd und beruhigend.
„Ja“, sagte Nea müde, „hat mich ziemlich mitgenommen. Wäre mir früher nicht passiert. Ich muss sehen, dass ich bald wieder auf dem Damm bin. Lass uns nach Hause fliegen.“

Die Sicherungseinheiten, die den Frachter umstellt hatten, lösten ihre Formationen bereits auf, als Nea und Ogo aus der Hauptschleuse des Frachtraumes stiegen und die kurze Laderampe herunterkamen. Die schillernden Eindämmungsfelder verblassten und die Roboprojektoren falteten ihre Schirme ein.
Es war später Nachmittag, aber die Sonne brannte noch immer heiß vom Himmel. Die Luft über dem Asphalt der weiten Landeflächen flimmerte. Ein Reinigungsteam eilte ins Innere des Frachters, um die Speichelspuren des Tigermaug zu entfernen. Danach würden ihnen die Sanitäter folgen, um sich der Mannschaft anzunehmen.
Peter Logan stieg aus einem der Gleiter, in dem die Überwachungseinheiten, das Säuberungsteam und die Sanitäter untergebracht waren. Er war ein kleiner, rundlicher Mann, mit dem Nea schon öfter zusammengearbeitet hatte.
„So viel Lärm um nichts.“ Er lachte, als Nea ihn um das Datentablet bat.
„Mir hat es gereicht“, antwortete sie und überflog den Einsatzbericht. Sie zog den Handschuh aus, drückte ihre Finger auf das Glas des kleinen Computers, um zu bestätigen, und gab ihn Logan zurück.
„Du kannst Sam sagen, ich schätze es sehr, dass er uns seinen besten Mann, beziehungsweise seine beste Frau geschickt hat.“
Nea grinste. „Mache ich.“
„Wir suchen dir das nächste Mal etwas aus, das eine größere Herausforderung darstellt. In Ordnung?“
Neas Lachen erstarb. Ihr war im Augenblick nicht nach Scherzen zumute und schon gar nicht nach größeren Herausforderungen.

Die Nova war Neas Schiff. Es stand einige hundert Meter entfernt in einem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zum havarierten Frachter. Es war ein alter AVA 111 Boxer, mit zwei kräftigen Triebwerken und einem langgestreckten Rumpf, der über viel Ladefläche verfügte. Darüber hinaus konnte er auch einige Annehmlichkeiten bieten, wenn Nea Gäste hatte. Es war Neas eigenes Schiff und gehörte nicht der Zefco – der Zefren Company, für die Nea als Scout arbeitete.
„Du bist verdammt ungehorsam“, schimpfte Nea ihren O.G.O., streifte die Handschuhe ab, die sie in den Werkzeuggürtel steckte, und öffnete ihren Schutzanzug. Der stete Wind, der über die Ebene blies, kühlte ihren verschwitzten Körper. „Nie kann ich mich darauf verlassen, dass du dort bleibst, wo ich dich hingestellt habe.“
„Bislang waren meine Entscheidungen korrekt“, schnarrte Ogo zurück.
„Trotzdem“, beharrte Nea. „Irgendwie nervt es mich in letzter Zeit.“
„Du solltest zum Arzt gehen.“
„Du liebe Güte!“
„Es wäre gut, wenn du eine eingehende Überprüfung deiner organisch psychischen Systeme …“
„Überprüf du lieber deine Systeme!“, gab Nea schroff zurück.
„Mit mir ist alles in Ordnung“, verteidigte sich Ogo. „Es gibt keinen Grund meinen gelegentlichen Ungehorsam als Fehler in meiner Programmierung zu interpretieren.“
„Ich sehe das aber anders!“
„Meine Selbstanalyse legt den Schluss nahe, dass der Entwickler der O.G.O. Einheiten, Oswald Georg Ohan, eine Affinität zum Ungehorsam in unsere primäre Grundmatrix eingewoben hat. Es ist daher nicht überraschend – ich kann sagen, man sollte es sogar erwarten –, dass O.G.O. Einheiten zum Ungehorsam neigen.“
Nea verdrehte die Augen, diese Dialogsequenz kannte sie zur Genüge. Der O.G.O. wurde nicht müde seine Einzigartigkeit bei jeder Gelegenheit zu betonen. „Ich erzähle dir gleich etwas über meine primäre Grundmatrix!“
Ogo ignorierte ihren Ärger. „Ohan war ein Freigeist und ich empfinde es nur logisch, wenn er als unabhängiger Konstrukteur diesen Charakterzug in uns etabliert hat.“
„Damit hat er sich selber ruiniert“, warf Nea ein. „Es war dumm von ihm, Freigeister zu erschaffen, die ihre eigene Produktion sabotieren.“
„Es handelte sich lediglich ein Ablauf von Kausalitäten. Ein konsequenter Ausdruck -“
„Schluss jetzt!“, befahl Nea. „Mein Kopf verarbeitet noch immer die Illusionen des Tigermaug. Ich kann mich jetzt nicht auf deine philosophischen Ausführungen konzentrieren! Flieg uns einfach nach Hause.“

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