Textprobe: Asgaroon – Heftserie, Domonic Porter -Ausgabe 1: Die Eroberer

Asgaroon

Die Abenteuer des Dominic Porter

Ausgabe 1
Die Eroberer.

Prolog:

Der erste Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation fand am 21. Februar des Jahres 4589 statt und hatte nichts von alldem, was man sich von so einem Ereignis erhoffte oder in Verbindung damit wünschte. Es gab kein glänzendes Raumschiff, das majestätisch und geheimnisvoll vom Himmel sank. Es gab keinen hochgewachsenen, engelsgleichen Besucher, der mit unseren Anführern zu sprechen verlangte, um dann eine Rede vor den Vereinten Nationen zu halten. Es gab keinen Abgesandten einer überlegenen Zivilisation, der uns Frieden anbot, um die junge Menschheit an der Hand zu nehmen und in die Geheimnisse des Universums einzuführen. Kein überlegenes Konzept, die kleinlichen Streitigkeiten unter den Nationen und den ewigen Kampf um die Ressourcen des Planeten beizulegen. Die Fremden hatten ihre eigenen Probleme mitgebracht und sie zu unseren Problemen hinzugefügt.
Ich erinnere mich noch gut an die Tage, an denen der Erdboden zitterte und an die Nächte, in denen die Breitseiten mächtiger Raumschiffe den Himmel erhellten. Der erste Kontakt zu den Außerirdischen war verstörend, brutal, angsteinflößend und besaß den Charme eines Faustschlags – mitten ins Gesicht.
Ihr unerfreulicher Besuch hatte etwas überwältigend Beiläufiges an sich. Wir Menschen waren nicht einmal ein lästiges Übel, das über die Oberfläche der Erde kroch und die Truppenbewegungen der Kriegsparteien störte. Ein Übel konnte man nicht ignorieren. Auf ein Übel musste man reagieren, es bekämpfen, sich damit auseinandersetzen. Doch wir waren es nicht wert bekämpft zu werden, sondern waren einfach nur im Weg. Wir wurden beiläufig zertreten, wie Ameisen auf dem Gehweg. Und die Tatsache, dass wir es gleich mit zwei Kulturen zu tun bekamen, die ein interstellarer Krieg in die Randbezirke der Milchstraße verschlagen hatte, machte das Ganze nicht besser. Beeindruckend war lediglich das Ausmaß der Zerstörungen auf der Erde, den Mondsiedlungen und all den anderen Kolonien und den Planeten des Solsystems. Beeindruckend war auch die Beliebigkeit, mit der man ganze Kontinente verwüstete, um Basen und Stützpunkte zu errichten. Doch bald erkannten zumindest die Akkato den Wert der kleinen Erdbewohner. Wir waren zäh, ausdauernd, zuverlässig und unserer Fähigkeit zu leiden, erstaunte die hochgewachsenen, Wesen, mit den pferdeartigen Köpfen, die von einer grünen Welt mit einem dichtbewachsenen Dschungel stammten. Man gab uns Waffen, bildete uns aus und schickte uns gegen die insektenartigen Keymon in den Kampf. Die Eingliederung der Menschheit in die verfeindete galaktische Familie erfolgte über Rekrutierungsstellen, die von den Akkato eingerichtet worden waren, oder dadurch, dass man kampffähige Individuen einfach entführte und gegen ihren Willen in die Flotte integrierte. Weder die Keymon noch die Akkato waren Menschenfreunde und auch im Umgang mit uns nicht zimperlich. Für mich war bald klar, dass wir für sie nur billiges Kanonenfutter darstellten, um die Verluste der waldbewohnenden Pferdeschädel gering zu halten.
Und so kam auch ich, Dominic Porter, in den zwiespältigen Genuss, meine erste Reise zu den Sternen anzutreten, um die Weiten der Galaxis zu erkunden und die wenig friedlichen Kulturen der Sternenwelt kennenzulernen …

September 4603

Dominic Porter saß vor einem ovalen, gepanzerten Fenster an Bord des Akkatoschiffes Skitra und blickte auf seine Heimat hinunter. Er würde in einem Monat dreiundzwanzig Jahre alt sein und gehörte zu einer Generation von jungen Menschen, die für ihr Alter schon zu viel erlebt und durchgemacht hatte. Immerhin war er nicht vor seiner Zeit in die Jahre gekommen, wie manche seiner Altersgenossen und hatte sich eine gewisse jugendliche Sorglosigkeit bewahrt. Manche hätten es vielleicht als Leichtfertigkeit angesehen, aber Dominic gehörte durchaus nicht zu der Sorte von Menschen, die ohne Mitgefühl und ohne Verantwortung durch das Leben gingen. Er versuchte lediglich am Leben zu bleiben und dafür war ein weitgehend unversehrter Geist unverzichtbar.
Sein schmales Gesicht, mit den hellen grünblauen Augen hatte keine Sorgenfalten und das kastanienbraune Haar zeigte noch keine grauen Stellen, wie bei vielen anderen, bei denen die Angst bereits weiße Strähnen hinterlassen hatte. Er sah die Lichter der Städte Fargo, Willmar, Mineapolis und der Dörfer, welche die verödeten Landstriche sprenkelten, die zwischen ihnen lagen. Nach und nach schrumpften sie zu winzigen, glimmenden Punkten zusammen, je höher das Schiff stieg, bis sie kaum noch zu erkennen waren. Selbst die riesigen, kantigen Säulen der Stützpunkte, die die Akkato errichtet hatten, wurden winziger und winziger. Dominic konnte von hier oben etwa zehn dieser Türme ausmachen, die sich in einer Reihe bis zum Horizont erstreckten und lange Schatten über das Land warfen, während die Morgenröte heraufzog.
Mächtige, Schiffe der Akkato hatten an den Gebäuden festgemacht. Zahllose winzige Zubringerboote umschwirrten sie mit leuchtenden Triebwerken, wie Schwärme von Glühwürmchen, die um die Stämme riesiger Bäume kreisten. Im Schimmer der Morgendämmerung begannen sich die Umrisse der großen Seen abzuzeichnen, die wie Bruchstücke polierter Spiegel glänzten. In ihren Formen waren sie jedoch nicht mehr als jene Seen zu erkennen, wie Dominic sie im Schulunterricht kennengelernt hatte. Während des Krieges waren ihre Konturen erheblich verändert worden. Überall hatten Geschosse mit ihrer immensen Zerstörungskraft kreisrunde Krater in den Boden gestanzt und die natürlichen Strukturen der Landschaft so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass nichts mehr an ihre ursprüngliche Gestalt erinnerte. Viele Krater waren inzwischen mit Wasser gefüllt und überzogen den Erdboden in einem sonderbar anmutenden Muster, als wären Tropfen aus Quecksilber zu Boden gefallen. Im Glanz des neuen Tages sahen sie wie das Werk eines Künstlers aus, der sein Können an ganzen Planeten erprobt und dabei in Kauf genommen hatte, Zivilisationen und Völker zu vernichten.
Über die Verluste an Menschenleben, die seit dem ersten Kontakt zu den Akkato und den Keymon zu beklagen waren, gab es nur Spekulationen. Und weder die eine, noch die andere Partei, schien Interesse daran zu haben, herauszufinden, welchen Schaden sie bisher angerichtet hatte. Die Erdbewohner und ihr Leid waren zwar für den Krieg, den sie schon seit Jahrtausenden gegeneinander führten, von geringer Bedeutung. Doch immerhin hatte es sich herausgestellt, dass die Akkato den Menschen etwas weniger Missachtung entgegenbrachten, als die insektoiden Keymon.
Während in den Gebieten, die von den Käfern beherrscht wurden, jede Infrastruktur zusammengebrochen war, konnte man in den Territorien, in denen die Akkato das Sagen hatten, noch relativ gut zurechtkommen. Viele, die diese Gebiete bewohnten, glaubten an die Rückkehr zu einem normalen Leben, sobald die Eindringlinge abgezogen waren. Aber Dominic zweifelte daran, dass die Akkato oder Keymon jemals wieder von diesem Planeten verschwinden würden. Und selbst wenn, dann könnte das Leben auf der Erde nie wieder das selbe sein.
Dominic war nicht der Erste, der das erkannt und sich den Akkato im Kampf angeschlossen hatte, um sein Glück in den Weiten des Weltraums zu suchen. Allerdings führten die Akkato ihren Krieg an vielen Fronten, und die Wahrscheinlichkeit vorher zu sterben, war beinahe gewiss.
Die Skitra, was übersetzt »Schwert« bedeutete und die unter dem Kommando von Ulan Mestray stand, war für ihn vielmehr das geeignete Mittel, ihn zu den Sternen zu bringen. Und Mestray war ein ruhmreicher Akkatokrieger, der den Keymon mächtig eingeheizt und sie beinahe von der Erde vertrieben hatte. Beinahe – denn ein paar Wochen zuvor war bei den Käfern der Nachschub eingetroffen, weswegen sie ihre verbliebenen Stellungen hatten halten können. Warum man Ulan Mestray gerade in diesem Moment von der Erde abzog, konnte sich Dominic nicht erklären. Aber es war unnötig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Akkatos würden ihn nicht in ihre unergründlichen Absichten einweihen und auf der Erde gab es nichts mehr, das ihn dort halten konnte. Nachdem eines der riesigen Keymon Schiffe über seiner Heimat abgestürzt war und nichts weiter als eine verkohlte Einöde hinterlassen hatte, in der seine Familie verbrannte, wollte er allem den Rücken kehren, was ihn an sein verlorenes Zuhause erinnerte.
Schließlich schwenkte die Skitra auf einen Kurs ein, der sie aus dem Sonnensystem tragen sollte, und die Erde verschwand aus seinem Blickfeld.
Dominic sprang von der Sitzbank vor dem Fenster und betrachtete den Raum, in dem er sich befand. Er war nicht besonders groß, schon gar nicht für Akkatoverhältnisse, da die ausgewachsenen Akkato die Menschen gewöhnlich um eine Armlänge überragten. Er strahlte die ruhige Feierlichkeit einer Kirche aus. In mehreren Öffnungen der Wände flackerte Licht, als ob Kerzen darin brannten. Ein herber Duft von Kräutern und aromatischen Harzen hing in der Luft. Es musste sich um einen Meditationsraum oder eine Art Kapelle handeln. Dominics Nase wurde von sonderbaren, süßen Düften erfüllt, die seinen Sinnen schmeichelten und für göttlichen Trost empfänglich machen sollten. Aber es waren auch die Formen, die ihn in seinen Bann zogen und die angenehm auf seine Augen wirkten. Formen, die so ganz anders waren, als alles was Menschen konstruieren konnten. Sämtliche Strukturen flossen ineinander, als befände man sich im Inneren einer Pflanze. Es gab keine Kanten, keine Ecken oder rechte Winkel. Alles erschien fließend und organisch. Und das war auch kein Wunder, dachte sich Dominic, denn jedes Schiff der Akkato war aus Holz gefertigt und bildete allein dadruch einen deutlichen Gegensatz zu den Fahrzeugen der Menschen oder Keymon.
Die Schiffe und Bauwerke der Keymon schimmerten in Silber- und Kupferfarben, hatten hier und da kantige Formen und waren von Ornamenten überzogen, von denen Dominic nicht sagen konnte, ob sie einfach nur zur Zierde dienten oder eine Funktion erfüllten. Die Schiffe der Akkato hingegen sahen wie fliegende Baumstämme aus und erweckten den Anschein, als wären sie von einer groben Axt einigermaßen stromlinienförmig zugehauen worden. Erst bei näherer Betrachtung konnte man die feine Konstruktionsweise erkennen.
Zuvor hatte Dominic noch nie eines von innen betrachten können und seine Faszination wuchs von Minute zu Minute.
Die Skitra strahlte eine kraftvolle Würde aus. Alles war größer, als auf den wenigen Schiffen, die die hünenhaften Akkato den Menschen zur Verfügung gestellt hatten und die aufwändig an menschliche Größenverhältnisse angepasst worden waren. Hier hatte man sich diese Mühe jedoch nicht gemacht. Konsolen, Quartiere und Gefechtsstände hatten Akkatokonstrukteure ausschließlich für ihre Artgenossen konstruiert. Die Schalter, Knöpfe und Regler waren groß und für die kleinen Menschenhände ungeeignet.
Dominic verließ den Meditationsraum, schlenderte durch die Korridore und erreichte schließlich die Kantine des Schiffes. Hier waren ein paar Tische und Stühle aufgestellt worden, die aus den Beständen der Menschenflotte stammten. Alle Menschenwesen an Bord der Skitra hatten sich hier versammelt und nahmen ihr Essen ein. Einige mit offensichtlichem Appetit und andere, die lustlos in ihren Tellern und Schüsseln herumstocherten. Es mussten etwa fünfzig, sechzig Menschen sein, schätzte Dominic. Männer und Frauen, im Alter zwischen Anfang zwanzig, bis Ende vierzig. Sie waren einander noch nicht vorgestellt worden. Dominic kannte weder ihre Namen noch ihre Ränge. Das Shuttle hatte sie vom Sammelpunkt bei Dallas abgeholt, sie im Hangar der Skitra abgesetzt und war kurz darauf wieder abgeflogen.
Der Akkatooffizier, der sie empfangen hatte, sah davon ab, die komplizierten Namen der Menschen herunterzuleiern, um zu überprüfen, ob alle angeforderten menschlichen Soldaten an Bord waren. Er hatte lediglich in sein Datenpad geblickt und die Gesichter der Neuankömmlinge mit den Informationen abgeglichen, die er darauf ablesen konnte. Anschließend hatte die mürrische Kreatur die Menschen in diese Kantine gebracht und war abgezogen, ohne ihnen weitere Anweisungen zu erteilen. Jetzt harrten sie darauf, dass man ihnen ihre Quartiere zuwies. Man ließ sie warten und Dominic nutzte die Gelegenheit, sich seine künftigen Kampfgefährten näher anzusehen.
Es war kein Gesicht darunter, dass Dominic kannte, aber Einige schienen schon Zeit miteinander verbracht zu haben. An der Art und Weise, wie sie miteinander umgingen, schloss Dominic, dass sie gemeinsam in etlichen Gefechten gewesen waren. Sie plauderten unbekümmert und schienen sich über vergangene Einsätze und Erlebnisse zu unterhalten. Manchmal lachten sie, oder kommentierten irgendeine Begebenheit mit spaßigen Bemerkungen, kehrten aber schnell zum gewohnten Ernst zurück. Andere hingegen saßen einsam und alleine vor ihrem Essen und musterten schweigend ihre Umgebung – distanziert, nachdenklich, misstrauisch. Ein paar wirkten so, als seien sie Verluste gewöhnt und daher nicht darauf aus, neue Freundschaften zu schließen. Viele der jungen Rekruten blicken angespannt und unsicher drein, weil ihnen die ganze Situation neu und ungewohnt war. Alle schienen sich jedoch klar darüber zu sein, dass sie sich an einem äußerst gefährlichen Ort befanden und jeden Augenblick die Hölle über sie hereinbrechen konnte.
Dominic erinnerte sich noch genau an den ersten Tag auf dem Zerstörer, dem er zugeteilt worden war – die Zora, unter dem Kommando von Daniel Perk. Auch er war sich damals einsam und verloren vorgekommen. Unsicher, angesichts der Abenteuer und Gefahren, die ihn noch erwarten würden. Er konnte die Jungen und Mädchen sehr gut verstehen. Dominic hatte sich mit achtzehn dazu entschlossen, sich der Heimatflotte anzuschließen und war jetzt seit zehn Jahren dabei. »Ich dachte, ich setze mich mal zu Euch«, sagte er etwas unbeholfen, als er sich zu den Rekruten setzte.
»All zu offensichtlich.« Der säuerliche Kommentar kam von  einem rothaarigen Jungen mit wasserblauen Augen, der ihm gegenübersaß.
Porter ignorierte, die Worte des Jungen. »Wo kommt ihr her?«, fuhr er unbeirrt fort.
»Wird ne Fragestunde«, setzte der Junge nach. »Dachte eigentlich, ich hätte die Fragen endlich hinter mir.«
Dominic stand wieder auf, um zu gehen. »Sorry. War eine dumme Idee.«
»Er hat es nicht so gemeint.« Eines der Mädchen, die neben dem Rotschopf saßen, hielt ihn zurück, woraufhin sich Porter wieder setzte. »Er ist nur aufgeregt, wie wir alle. Ich bin Sandra Dix, der vorlaute Kerl hier …
»Ist David Moore«, kam ihr der Rothaarige zuvor. »Und der hat vor, Admiral zu werden.«
»Mein Name ist Dominic Porter«, stelle er sich vor.
»Leutnat“, merkte Moore mit geflissentlichem Blick auf Dominics Schulterklappen.
Sandra Dix grinste Dominic mit schrägem Lächeln an. Ihre grünen Augen glitzerten. »Dann müssen wir vor Ihnen wohl salutieren.«
»Ich kann darauf verzichten«, winkte er ab. »Kommt aber darauf an, was der Captain dazu meint. In der Heimatflotte hat man sich viele Formalitäten abgewöhnt. Wie das hier gehandhabt wird, weiß ich nicht.« Dominic empfand diesen Mangel an formaler Disziplin bedauerlich. Er führte zu vielen Problemen durch Respektlosigkeiten. Auch auf der Zora verursachte das ab und an Schwierigkeiten, aber er wollte an den gängigen Gepflogenheiten jetzt nicht rütteln oder darüber eine Debatte anfangen.
»Sind Sie schon lange im Einsatz?«, fragte ein anderer Junge, der vielleicht der Jüngste in der Truppe war. Er hatte ein schmales, wissbegieriges Gesicht, mit vielen Sommersprossen und kurze, weißblonde Haare.
»Ich habe auf der Zora gedient«, erklärte Dominic Porter, im Bewusstsein, dass diese Offenbarung eine Diskussion auslösen konnte. »Drei Jahre unter Captain Perk.«
»Diese Zora?« David Moore stand das Staunen ins Gesicht geschrieben. »Der Captain Perk? Daniel Perk?«
Dominic wurde klar, dass er einen Fehler gemacht hatte, indem er schon so früh damit herausgerückt war. Er hätte sagen können, die letzten Jahre auf einem Zerstörer gedient zu haben, ohne irgendeinen Namen zu nennen. Es gab Hunderte von Schiffen und er hätte sich einen Namen ausdenken können.
»Er hat seine Mannschaft an die Keymon verkauft.« Das Mädchen mit dem breiten Gesicht und den braunen Haaren wirkte angewidert. »Wegen ihm haben wir zehntausend Mann verloren. Und drei Schlachtschiffe.«
Ein anderer Rekrut konnte sich nicht zurückhalten. »Es heißt, er sei ein Sklavenhändler. Er hat Menschen verkauft. An die Keymon und an anderer Völker in der Galaxis.«
Der Junge, der diese Behauptungen von sich gab, war für einen Soldaten ein wenig zu dick. Dominic fürchtete, er könne zu einem Problem werden, sollten sie eine Bodenoperation durchführen müssen. Warum hatten ihn seine Vorgesetzten nicht auf Vordermann gebracht?
»Halt die Klappe«, fuhr David Moore dem Dicken über den Mund. »Das war doch alles eine Verschwörung.«
In diesem Moment beschloss Dominic, den Rothaarigen etwas mehr zu mögen. »Es wurden viele Worte gemacht. Zu viele Worte.« Er besah sich die Runde und dann kam ihm ein Verdacht. »Ihr gehört irgendwie zusammen, aber im Kampf wart ihr nicht.«
»Wir kommen von der Universität«, informierte ihn Sandra.
»Ich wusste nicht, dass man jetzt schon Schüler rekrutiert.«
»Wir sind ebenso gut wie alle anderen«, sagte das Mädchen mit dem breiten Gesicht.
Dominic wagte das zu bezweifeln, aber ihre Mitschüler schienen ebenso überzeugt von ihrer Kampfkraft zu sein, wie sie. »Ihr werdet das noch früh genug unter Beweis stellen können. Aber Eifer ersetzt nicht die Erfahrung.«
»Nialla hat recht«, meinte Sandra mit einem Kopfnicken zu dem breitgesichtigen Mädchen. »Wir haben in unserem Diskussionskreis sämtliche Strategien beleuchtet, die in diesem Konflikt angewandt wurden. Wir wissen sehr gut bescheid.«
Diskussionskreis, Strategien beleuchtet – sämtliche Strategien. Dominic Porter musste alle Mühe aufwenden, um ein Kopfschütteln und ein Lachen zu unterdrücken. Er hatte die Retter der Menschheit gefunden, überlegte er amüsiert und würde sie nun auf den Kampfplatz führen. »Wer gehört noch zu eurer Gruppe?«
Sandra Dix stellte ihm den dicken Jungen vor, der Peter Norden hieß, Alex Donhall, mit den Sommersprossen, die breitgesichtige Nialla López und noch zwei andere Jungen. Christan Peskin und Frederik Zest sowie ein dunkelhaariges Mädchen namens Linda Sung mit leicht asiatischen Gesichtszügen.
Ein leiser Gongschlag kündigte das Kommen eines Akkatooffizieres an. Die erfahrenen Soldaten erhoben sich eilig, und auch Dominic Porter stand auf und nahm Haltung an. Die Studenten folgten seinem Beispiel. Daumen an die Hosennaht, die Augen geradeaus, Schultern gestrafft. Perfekt. Wenigstens hatten sie das einigermaßen gut geübt, dachte sich Porter.
Der Akkato forderte die Menschen auf, ihm zu folgen, damit er sie zu ihren Unterkünften bringen konnte. Sie schulterten ihre Rucksäcke und gingen dem hünenhaften Wesen hinterher. Die Unterkünfte der Menschen bestanden aus mehreren Wohncontainern, die man im Hangar der Skitra aufgereiht hatte. Mit ihren klobigen Formen wirkten wie Fremdkörper. Die Menschen konnten sich ihre Stubenkameraden selber wählen und bald hatten sich Gruppen zusammengefunden, die ihr Quartier miteinander teilen wollten. Die Studenten und Porter bezogen einen der Container und begutachteten die Pritschen. Ein älterer Sergeant hatte sich ihnen angeschlossen und belegte das letzte freie Bett. Es handelte sich um einen kleinen gedrungenen Mann mit kurzen grauen Haaren und einem perfekt gestutzten Bart, der um das Kinn herum noch eine kupferrötliche Farbe zeigte. Er hieß Aaron Kruger und redete nicht viel. Nachdem er seine Pritsche begutachtet und sein Gepäck im Spind daneben verstaut hatte, begann er sein Gewehr zu zerlegen und zu reinigen, obwohl das augenscheinlich nicht nötig war. Er besaß zudem ein stattliches Arsenal von Stich- und Faustfeuerwaffen, die für den jeweiligen Besitzer modifiziert waren und die er auf dem Boden vor seinem Bett ausbreitete.
Dominic beschloss, früh schlafen zu gehen. Alleine schon, um weiteren Fragen über seine Zeit auf der Zora aus dem Weg zu gehen. Allerdings war er nicht der Einzige, dessen Schlafbedürfnis Tribut forderte. Der Tag war lang gewesen und der Transport von der Kaserne zum Sammelpunkt und vom Sammelpunkt auf die Skitra anstrengender als erwartet. Alle legten sich früh schlafen und kurze Zeit später wurde das Licht gelöscht. Dennoch konnte Dominic keinen Schlaf finden. Unruhig drehte er sich hin und her und starrte in die Dunkelheit. Seine Gedanken kreisten um all die Ereignisse, die ihn an diesen Ort gebracht hatten. Zurück zu dem Zeitpunkt fast sechs Jahre zuvor, als er sein zweites Ausbildungsjahr bei der Heimatflotte hinter sich gebracht und seine Familie besucht hatte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *